Die Bezugnahme auf die Epistemologie ist in der deutschen Diskussion nicht nur im Rahmen der Wissenschaftsgeschichte sondern auch in den Medien- und Kulturwissenschaften in den letzten Jahren zunehmend wichtiger und selbstverständlicher geworden. Für das noch junge Fach der Medienwissenschaft ist diese Bezugnahme ein konstitutiver Bestandteil seiner Entstehungsgeschichte. Dabei ist der Begriff der Epistemologie nicht leicht ins Deutsche zu übertragen. Ein Grund dafür ist, dass sich die Epistemologie in Abgrenzung, sowohl zur Erkenntnistheorie als auch zur Wissenschaftsphilosophie oder Wissenschaftstheorie konstituiert hat. Anders als jene zielt die Epistemologie nicht auf eine Begründung und Fundierung des Wissens, sondern auf den Ausweis und den Nachvollzug von dessen Historizität. Historische Epistemologie ist in dem doppelten, zeitlichen und räumlichen Sinn des Wortes „regional“:  sie geht nicht von einer historischen Kontinuität aus, sondern interessiert sich für zeitliche Brüche und Diskontinuitäten und untersucht, wie Georges Canguilhem betonte, ein spezielles, regionales Wissensfeld.

Während, wie Foucault hervorhob, die Bedeutung von Canguilhem für die Diskussion der Ideen in Frankreich,  die der Bewegung von 1968 voranging und ihr folgte, nicht überschätzt werden kann, so steht eine breitere Rezeption und nachhaltige Diskussion der Texte von Canguilhem in Deutschland erst am Anfang. Die Aktualität von Canguilhems Denken leitet sich aus der von ihm erstmals gestellten Frage her, wie sich eine Geschichte der Rationalität des Wissens vom Leben schreiben lässt, oder anders formuliert: wie das Leben zum Objekt des Wissens wird und wie sich darin das Verhältnis von Leben, Wissenschaft und Technik gestaltet. Canguilhem verstand diese Frage als eine Frage von allgemeinem gesellschaftlichen Interesse: als eine politische Frage. Die historische Epistemologie ist für Canguilhem in der Folge in bestimmter Weise eine politische Praxis. Niemand hat dies besser verstanden als Foucault, der sich zwar nicht mit der Geschichte der Wissenschaften des Lebens, sondern mit der Geschichte der Humanwissenschaften befasste und der den Begriff des Wissens diskursanalytisch neu fasste, dabei den Menschen jedoch in der Nachfolge von Canguilhem als Lebenden, und dessen Geschichte als Teil der Geschichte der Rationalisierung des Lebens problematisierte.

Das Konzept des „situierten Wissens“ wurde von der amerikanischen Wissenschaftshistorikerin, Biologin und Feministin Donna Haraway in einem Essay entwickelt, der aus einem Kommentar zu einem Vortrag der Standpunkttheoretikerin Sandra Harding entstand und unter dem Titel „Situated Knowledges. The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective“ 1984  erschien. Bei der Formulierung des Konzepts des „situierten Wissens“ setzte sich Haraway nicht nur mit der feministischen Wissenschaftskritik auseinander, sondern auch mit anderen Positionen wie die Actor-Netzwerk-Theorie, die Philosophie des Pragmatismus und die relationistische Philosophie von Alfred North Whitehead. Ein weiterer wichtiger Bezug bilden die Diskursanalyse von Foucault und das Dispositiv der Biopolitik, das Haraway aufnimmt, um es als Bio-Techno-Politik neu zu konfigurieren.

Das Konzept des situierten Wissens geht von der Diagnose aus, dass am Ende des 20. und im 21. Jahrhundert die Lebenswissenschaften durch die Implementierung ihrer Erkenntnisse in Technologien unser Leben, unseren Alltag, die Institutionen und Wünsche verändern und die Beziehungen zwischen Wissenschaft, Technik, Gesellschaft und Leben als ein vielfältiges Beziehungs- und Relationengeflecht zu denken ist. Haraway schreibt keine Geschichte des Begriffs, sie sucht Konfigurationen und Übersetzungsmöglichkeiten für Komplexität, arbeitet mit Metaphern und Modellen und entwirft Figuren, wie jene der Cyborg, um über diese das Verhältnis von Technik, Wissenschaft, Leben zu thematisieren. Dennoch gibt es Bezüge zur historischen Epistemologie von Canguilhem die nicht allein über Foucault vermittelt sind. Haraway, die 1966-67 nach ihrem Studienabschluss in Biologie ein Jahr in Paris Philosophie und Geschichte der Wissenschaften studierte, schloss ihr Studium mit eine Arbeit über organizistische Positionen in der Entwicklungsbiologie der ersten Hälfte des 20. Jh. ab. Dabei bezieht sie sich zwar nicht explizit auf Canguilhem, sie schließt aber an die von ihm gestellte Frage an, wie das Leben zum Objekt der Wissenschaften wird. So interessiert sie sich in ihrer Dissertation für organizistische Positionen als eine mögliche Überwindung der und Alternative zur Opposition von Vitalismus und Mechanismus.  Biologie ist für Haraway nicht nur eine wissenschaftliche Disziplin, sondern eine Weise, die Welt zu erkennen und insofern intrinsisch verbunden mit philosophischen und politischen Fragen.

Haraways Texte wurden in Deutschland schon relativ früh rezipiert. Die Rezeption erfolgte jedoch vor allem in einem politischen Kontext und weniger vor einem epistemologischen Hintergrund. In Frankreich dagegen hat eine breitere Rezeption erst vor kurzem mit den seit 2007 erschienen Übersetzungen begonnen und unterscheidet sich insofern von der deutschen Rezeption, als dass sie die Ansätze des situierten Wissens vor allem im Kontext epistemologischer und philosophischer Fragen diskutiert. Die Unterschiede und Ungleichzeitigkeiten in der Rezeption von Canguilhem auf der einen und Haraway auf der anderen Seite bilden eine vielversprechende Ausgangsituation für eine deutsch-französische Diskussion der Aktualität und der Bezüge von beiden Ansätzen zueinander.

In der Tagung sollen beide Konzepte diskutiert werden, um zu einem besseren Verständnis der Unterschiede wie auch zu einer besseren Konturierung beizutragen. Mit dem Konzept der regionalen Epistemologie verbindet das situierte Wissen neben dem Verzicht auf eine Begründung des Wissens die Verpflichtung auf Aktualität und den Nachweis der Geschichtlichkeit des Wissens. Zu diskutieren wäre, in welcher Weise die Frage, wie das Leben zum Objekt des Wissens wird, nicht nur eine innerwissenschaftliche, sondern eine politische Frage sein kann und was daraus zu gewinnen ist.

Konzept und Organisation: Astrid Deuber-Mankowsky und Christoph Holzhey